Das
erste Mal sehen wir Carol Danvers am Boden liegend, am Ende fliegt
sie mit unmessbaren Kräften durchs Weltall. Klingt nach dem üblichen
Schema einer Entstehungsgeschichte. Allerdings erzählt der Film des
Regie-Duos Anna Boden und Ryan Fleck alles andere als eine
traditionell, linear erzählte Origin-Story. Durchaus gewagt, bedenkt
man, an welcher Stelle Marvel diese Geschichte in ihrem Kinouniversum
platziert hat, und welche Erwartung der geneigte Zuschauer wohl
mitbringen mag. Doch versucht „Captain Marvel“ gar nicht erst,
den Zuschauer mit leicht bekömmlichem Einheitsbrei froh zu stimmen
und den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Hier wird das
Fundament für das Morgen gelegt, eine mögliche Zukunft ohne
Avengers, in der sich Superhelden neu definieren und formieren
müssen.
Brie
Larson wird dabei wahrlich nicht die einfachste Aufgabe zuteil. Ist
sie nicht nur die erste weibliche Titelheldin einer mittlerweile über
zehn Jahre andauernden Reihe, bleibt ihr gerade einmal ein Film Zeit,
um sich als Superheldin zu etablieren, bevor wir sie dann in weniger
als zwei Monaten ein weiteres Mal sehen werden, dann im Kampf gegen
Thanos. Den bisher mächtigsten Bösewicht, dem keiner der Avengers
etwas anhaben konnte.
Zwar
ist der Film auch laut, grell, schnell geschnitten (gerade in den
Dialogszenen) und voller Action, doch sind es vor allen Dingen die
ruhigen Momente, die den Zuschauer irritieren und eine erneute
Fokussierung erzwingen. Oft verliert sich die Kamera in der Ferne,
beobachtet Carol Danvers beim Nachdenken über ihre Vergangenheit und
erzeugt eine Stille, bei der man vergisst, welche Art von Film man
gerade sieht.
Die
90er Jahre-Nostalgie ist eine nette Zugabe, obwohl ihr vielleicht
manches Mal eine zu große Aufmerksamkeit geschenkt wird. Doch dem
Publikum schien es zu gefallen, gab es dort, neben den Auftritten der
Katze Goose, die meisten Lacher und Reaktionen. Andererseits hätte
man sonst auch nie erfahren, dass der Song „Just A Girl“ von No
Doubt eine ordentliche Kampf-Szene bis an ihr Limit treiben kann.
„Captain
Marvel“ ist der richtige Film zur richtigen Zeit. Eine dringend
benötigte Entschleunigungskur zwischen den beiden
Superhelden-Orgien. Diese Geschichte mit einer ruhigen Gelassenheit
zu erzählen, war nicht nur eine bewusste Entscheidung, sondern die
einzig richtige. Möchte man ihn mit einem anderen Film aus dem
Marvel-Filmuniversum vergleichen, muss man zurück in die späten
2000er Jahre gehen. Heute erleben wir Tony Stark, Steve Rogers oder
Thor nach jahrelanger Entwicklung am Höhepunkt ihres Weges. Carol
Danvers begegnen wir nicht nur ganz am Anfang ihrer Laufbahn, sondern
auch aus erzählerischer Sicht knapp ein Jahrzehnt, bevor wir
überhaupt einen Gedanken an Superhelden oder eine Allianz dieser
verschwenden durften.
Der
Grundstein ist erfolgreich gelegt, und mit der Zeit auf ihrer Seite,
steht den nächsten erfolgreichen Auftritten nichts mehr im Weg.